DIE ZEIT
08.11.2009
Volker Hagedorn
Juchzer vom Olymp herab
Wie Joseph Haydn das Streichquartett erfand und in
Hochform brachte. Ein Streifzug durch die Neuaufnahmen des Jubiläumsjahrs
Unerhört, dieser Anfang, leere E-Saite einer einsamen
Geige, eine Frechheit, ein falscher Ton. Wirklich? Wen juckt es heute schon
noch, dass ein D-Dur-Stück mit einem E beginnt, eleganterweise so, dass man
erst drei Takte später die Dreistigkeit kapiert? Jedenfalls war es in den
1780ern dreist. Das muss man aber nicht wissen, um Haydns Witz zu bemerken.
Seine musikalische Logik ist so klar, dass wir 200 Jahre nach dem Tod des
Komponisten Spannung auch zwischen solchen Regeln und Regelbrüchen wahrnehmen,
die wir gar nicht kennen. Vielleicht ist dieses Selbsterklärende der Kunst, was
man »klassisch« nennt. Doch nicht mal Mozart ging damals so gewagt wie Haydn
vor, der in der Abgeschiedenheit zuerst »original« und dann in Europa berühmt
geworden war.
Besonders als Erfinder jener Instrumentalkunst, die er
Werk für Werk neu austestete, des Streichquartetts. Was für ein frischer Wind
mit dem E zu Beginn von opus 50 Nr. 6 ins Genre weht, das hört man am
besten, wenn neugierige Musiker das spielen, solche, die das Stück noch mal aus
seiner Zeit heraus durchdenken. Die Geiger Anton Steck und Franc Polman,
Bratscher Christian Goosses und Cellistin Antje Geusen vom Schuppanzigh
Quartett lassen es prickeln und funkeln, folgen unverhofften Modulationen
genüsslich mit Klangfarbenwechseln, haben aber auch den Durchblick, den das
Labor Haydn erfordert. Denn dieser spielerischste aller Komponisten ist
zugleich einer der penibelsten – jedes Wagnis ist eingebunden in die Logik
eines Stückes.
Das beginnt schon, als er mit 25 Jahren seine ersten
Streichquartette schreibt, die erste Quartettsammlung überhaupt, weil ein
österreichischer Baron gern "kleine Musiken" hätte für die Besetzung, die auf
seinem Schloss zur Verfügung steht: der Verwalter und der Pfarrer, Geige und
Bratsche, ein Cellist – und Haydn als Geiger. Wie witzig, griffig, perfekt die
Divertimenti gearbeitet sind, ist nachzuhören beim Auryn Quartett, das
sämtliche 65 Quartette aufnimmt und davon bislang elf CDs vorlegte. Die Geiger
Matthias Lingenfelder und Jens Oppermann, Bratscher Stewart Eaton und Andreas
Arndt spielen seit 1981 zusammen und bieten die Unterhaltungsmusik des opus
1 mit einem Ausdrucksdrang, als wollten sie Haydns früheste Kritiker Lügen
strafen: Besonders in Norddeutschland rügte man die "komischen Tändeleyen".
Dafür mussten die aber überhaupt aus dem engsten Kreis
hinausdringen - die handschriftliche Verbreitung dieses opus 1 reichte
erstaunlicherweise bis nach Nordamerika. Zum Vorbild für andere Komponisten
wurde aber erst Haydns opus 9 von 1770, die ersten Stücke, die er selbst
als Streichquartette gezählt haben wollte. Es weitet sich der Horizont,
Kontraste werden vertieft, die Musik wird persönlich, und der Kopfsatz aus dem
sechsten der opus 9 -Quartette endet, als fürchte Haydn, schon zu viel
von sich gezeigt zu haben: Er beendet das Presto ohne Bremsweg, ohne
Schlussgeste, mitten im Schwung, und da das Schuppanzigh Quartett tatsächlich
kein Ritardando macht, fliegt man als Hörer wie nach einer Vollbremsung durchs
offene Fenster - und muss lachen.
Zehn Jahre später macht er’s umgekehrt. Da gibt es
einen Schluss, wo keiner einen erwartet, nämlich am Anfang. Wer das G-Dur-Quartett
aus opus 33
erstmals auf CD hört, könnte an einen kapitalen Schnittfehler
glauben: Zwei Schlusstakte gehen pianissino dem Thema voraus! Gerade
darin,
findet Musikwissenschaftler Charles Rosen, zeigt sich der "klassische
Stil" als "Stil der Umdeutung", in dem jede Phrase in neuer Umgebung
eine neue Bedeutung
bekommen kann. Haydn ist sich seiner Kunst so sicher, dass er mit der
Dekonstruktion Scherze treibt. Und mit den Spielern. Er nötigt sie zum
Dialog.
Wer seine verdeckten und offenen Pointen nicht so fein versteht und
verwandelt,
wie sie kommen, steht auch bei bester Technik schnell etwas tapsig da.
Gleich zwei Ensembles haben sich dem kompletten
Sechserpack von 1781 gestellt. Die Auryns machen es klug, schön, gediegen, das
spanische Quarteto Casals aber ist kongenial. Im Finale des C-Dur-Quartetts,
einem rasant ironischen Spiel mit der Alla-turca-Mode, kann selbst eine ganz
unverdächtige Schlussfloskel um genau die Nuance zu harmlos klingen,
hingeworfen wie ein Taschentuch, die einen aufmerken lässt. Im ersten Satz
spielen sie mit subtilen Temposchwankungen, bringen hier und da mit fast
barocker Artikulation kleinste Motive zum Sprechen, sie haben aber auch Sinn
für Haydns kleine Fenster zur Sehnsucht.
Die "gantz neu Besondere Art", die der Komponist
selbst an seinem opus 33 lobte, ist eine Herausforderung an alle
Kollegen, von denen einer auf höchstem Niveau antwortet: Mozart widmet dem
»caro Amico« sechs Quartette, die Haydn nachhaltig verwirren. Sechs Jahre
dauert es, bis er mit seinem opus 50 wieder die Führung der Avantgarde
an sich reißt. Im opus 55 (komponiert wohl kurz vor der Französischen
Revolution) wird er fokussierter, herber, seine Experimente gewinnen Dramatik,
und diesen Ton trifft das junge finnische Ensemble Meta4 mit erfrischend rauem
Timbre. Vom entsetzlichen "Schmunzeln", auf das man Haydn oft verkleinert, sind
die Finnen klanglich besonders weit entfernt.
Inzwischen war die Kunst des Streichquartetts derartig
etabliert, dass junge Komponisten mit Werken für ebendiese Besetzung
debütierten; Haydn selbst konnte seine Stücke in vollen Sälen erleben wie in
London. Dort war es üblich, mit markanten Anfängen das Publikum aus dem
Geplauder zu reißen. Es ist also auch Taktik, dass das C-Dur-Quartett
von 1793 (opus 74/1) mit zwei Akkorden beginnt. Erst dann folgt ein
Thema als Reverenz an einen verstorbenen Freund – nämlich modelliert nach dem
Finalthema aus Mozarts Jupitersinfonie. Wie es in Haydns
Experimentalstudio entlegensten Modulationen unterzogen wird, das hört man beim
Schuppanzigh Quartett eingehender und farbenreicher als bei den Auryns, deren
Ausdruckswucht hier an der Struktur vorbeigeht.
Wer wie das Auryn Quartett eine Gesamtaufnahme stemmt,
muss eben damit rechnen, gelegentlich von Leuten überholt zu werden, die
weniger vertraut mit Haydn, aber noch neugieriger sind. So erlebt man das auch
beim 2003 gegründeten Minetti Quartett, blutjungen Typen, denen zum D-Dur
Quartett (76/5) des 65-Jährigen mehr einfällt als den Auryns. Das geht im
ersten Satz von kleinen Zäsuren und frech klirrender E-Saite bis zu bildhafter
Dynamik, wenn turbulente Zweiunddreißigstel im Bass mit Decrescendo und
Crescendo dezent, aber deutlich zum Sturm im Wasserglas dramatisiert werden. Im
Finale zeigt Haydn, wie man billige Schlussakkorde, bäurische Quinten und eine
banale Tanzweise so durcheinanderwürfelt, dass die Götter kichern. Bei den
Minettis hört man sie, diese feinen Juchzer vom Olymp.
|