Potsdamer Neueste Nachrichten
06.12.2007
Dirk Becker
Oft sind sie nur "Vorspeise“, die Streichquartette von
Joseph Haydn. Vielleicht liegt es an ihrem sanften Charakter, der "Schönheit,
Ordnung, Reinheit“ in Haydns Stücken, wie der bekannte Bariton Giuseppe de Luca
es nannte, die Musiker dazu verleiten, eines der über 80 Streichquartette an
den Anfang eines Konzerts zu stellen. Als Aufwärmübung, bevor die wahren
Brocken kommen. Wohlklang, der schnell mit Oberflächlichkeit verwechselt wird.
"Haydn ist der Prüfstein für jedes Streichquartett“, sagt Anton Steck. Von
Vorspeise könne da keine Rede sein. Die feinen Formen in dieser Musik
hervorzubringen, die Tiefen, den Ideenreichtum, das sollte eigentlich
Herausforderung für jeden Instrumentalisten sein. Seit gestern ist der
Violinist Anton Steck mit Antje Geusen (Violoncello), Franc Polman (Violine)
und Christian Goosses (Viola) - zusammen das Schuppanzigh-Quartett - für vier
Tage in der Andreaskirche in Wannsee, um dort drei Quartette von Haydn für eine
neue CD aufzunehmen. Heute Abend stellt das Schuppanzigh-Quartett, das als
eines der renommiertesten Streichquartette auf Originalinstrumenten gilt, diese
Stücke in einem Konzert im Potsdamer Kammermusiksaal Havelschlösschen vor.
Nach einer intensiven Probenwoche und einem Konzert in Köln sind die Musiker,
die über ganz Deutschland verteilt leben, nach Berlin gekommen, wo die
Cellistin Antje Geusen lebt und arbeitet. Am Montag und Dienstag haben sie in
ihrer Wohnung die letzten Proben gespielt und sich die Zeit für ein Gespräch
genommen.
Die Aufnahmen in der Andreaskirche, die im Spätsommer 2008 auf den Markt kommen
sollen, werden kein Schlusspunkt sein, sondern nur ein Zwischenstand einer
ständigen Auseinandersetzung mit Haydn. "Proben kann man nie genug“, sagt Antje
Geusen. Und eigentlich müsse man auch viel mehr Konzerte spielen. Denn erst
durch das Zusammenspiel eröffnen sich immer neue Perspektiven und
Interpretationsmöglichkeiten. So wollten die Musiker das Streichquartett in
A-Dur, Opus 9/6, das zu den früheren Quartetten Haydns zählt, anfangs heftiger
und zupackender spielen. Doch je öfter sie das Stück gespielt, sich
Probeaufnahmen angehört hätten, seien sie zu dem Schluss gekommen, dass die
Feinheiten in dieser Komposition einen zurückhaltenden Zugriff benötigen, um in
ihrer Tiefe für den Zuhörer erfassbar zu werden. "Diese Stücke entwickeln sich
immer weiter", so Antje Geusen.
Neben dem Streichquartett in A-Dur haben sich die Musiker für das so genannte "Froschquartett“ in D-Dur, Opus 50/6 und das Streichquartett in C-Dur, Opus
74/1 aus den späteren Jahren von Haydns kompositorischem Schaffen entschieden. "Drei ganz unterschiedliche Quartette“, sagt Anton Steck, deren Auswahl nicht
leicht gefallen sei bei der "Überqualität“ von Haydns Kompositionen. Aufnahmen
für zwei weitere Veröffentlichungen von Haydn-Quartetten sind für das kommende
Jahr geplant. Liegt der Schwerpunkt im Schuppanzigh-Quartett derzeit auch
deshalb auf diesen Komponisten, weil anlässlich seines 200. Todestages 2009 das
Haydn-Jahr ansteht?
"Haydn begleitet uns seit unserer Gründung vor elf Jahren“, sagt Steck. Das
habe auch mit dem Namensgeber des Quartetts, dem Geiger Ignaz Schuppanzigh zu
tun. Schuppanzigh, der 1796 das erste in fester Besetzung spielende
Streichquartett gründete, hatte sich intensiv mit Haydns Kompositionen
auseinandergesetzt. Diese Auseinandersetzung ist auch für die vier Musiker
Pflicht.
Die Noten auf dem Papier sind das eine. "Uns geht es auch darum, Einblick in
die damalige Situation zu bekommen“, so Anton Steck. Dabei gehe es weniger
darum, wann, wo und mit wem Joseph Haydn Tee getrunken hat. Wie hat er gelebt,
mit welchen Musiker konnte er arbeiten, mit welchen Komponisten sich
austauschen. Erst diese Auseinandersetzung ermögliche ein Vordringen in die
Tiefe, ein klares Verständnis für die Feinheiten dieser Musik. Oder, um beim
einleitenden Bild zu bleiben, aus der Vorspeise Haydn eine Hauptspeise zu
machen.
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