| Auferweckt | Beethoven |
DIE ZEIT
24.02.2000 Beethoven-Streichquartette auf Beethovens Instrumenten Eine Runde mehr oder weniger verdrossener Literaturplauderer hatte Beethoven wohl nicht vor Augen, als er sein drittes Streichquartett für den Grafen Rasumovsky komponierte. Aber mittlerweile ist das Finale dieses Opus 59,3 kaum noch zu trennen vom Literarischen Quartett, das seine TV-Sitzungen mit dieser Musik verbrämt. Die Macht der Bilder ist groß. Beethovens Vereinnahmung durch bürgerliche Riten hat ohnehin eine Tradition, der man schwer entkommt. Die Fuge des letzten Satzes wird im Konzertleben meist vorgeführt als elegant-virtuose Formstudie. Dass sie Unruhe, fast Angst verbreiten kann wie vor knapp 200 Jahren, zeigt das Schuppanzigh-Quartett aus Köln (Ars musici 1281-2). Nicht, weil die vier Musiker ängstlich wären. Im Gegenteil, vom ertsen, verknappt gespielten Bratschenton an ist der Satz unaufhaltsam und atemberaubend wie eine Schussfahrt in unbekanntes Terrain. Und als Hörer begreift man, was diese 429 Takte sind: ein kompositorisches Abenteuer. Die kinetische Energie des Themas selbst erzwingt die lange, rasende Fahrt. Und der orchestral verdichtete Schluß lässt sich schon fast als Notbremsung hören. Jedenfalls bei Anton Steck, Christoph Mayer, Jane Oldham und Antje Geusen. Sogar mitten im dichten kontrapunktischen Satz riskieren sie noch Phrasierungsnuancen, schrammen lieber knapp an Hindernissen vorbei, anstatt oberflächlich, aber sicher über sie hinwegzuspielen.
So klingt die Musik wie befreit von der Lähmung,
die sich zuvor in den stehenden, lastenden Klängen des Andante
aufgebaut hat. Man könnte dessen Sechzehntel auch wiegender
spielen, weanerischer. Die Streicher lassen die Töne aber gleichsam
mit sich allein, man erlebt so etwas wie die Melancholie des Materials.
Und dass da manche Registerwechsel sogar etwas harsch klingen, liegt
am Dornröschenschlaf der vier Instrumente, auf denen das Schuppanzigh-Quartett
musiziert. Seit rund 100 Jahren wurden sie nicht mehr gespielt und
sind nun zum ersten Mal auf einer CD zu hören: Beethoven selbst
soll sie besessen haben, in Bonn werden sie aufbewahrt. Bemerkenswert,
wie die vier Musiker sie wieder zum Leben erwecken. So anspringend
wie im Quartett Opus 18,4 kann man die Piano-, Sforzato- und Fortissimo-Vorschriften
nur selten hören. Die Dynamik erlangt da strukturelle Qualität
und bildet rau ineinander greifende Verlaufsformen. Das zweite Thema,
sonst meist wie hinter Glas dahinwelkend, kommt hier weltfroh um
die Ecke gefedert. Und Beethoven klingt auf seinen originalen Instrumenten
ganz neu. |
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